Qualität

So wird Autofahren zum sinnlichen Vergnügen

Einsteigen und sich wohl fühlen: Dieser Anspruch an ein Automobil wird durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Unsere Nase nimmt Gerüche wahr, die von elektronischen Teilen, den Sitzpolstern oder der Innenverkleidung ausgehen. Die Hände streichen über die Stoffe, die den Insassen umgeben – und das Gehirn schlussfolgert blitzschnell, ob sich dies angenehm oder weniger angenehm anfühlt. Mit den Augen schließlich bewerten wir, ob ein Fahrzeug optisch ansprechend wirkt oder nicht.


Doch bekanntlich tickt jeder Mensch anders, und so werden auch Gerüche, optische und haptische Eindrücke unterschiedlich bewertet. Renault möchte den Wünschen seiner Kunden möglichst nahe kommen und hat deshalb eine Abteilung eingerichtet, deren Hauptaufgabe darin besteht, ins „Reich der Sinne“ vorzudringen.


Das so genannte „Werkstoff-Engineering“ setzt auf Mitarbeiter und Testpersonen, die über besonders ausgeprägte sensorische Fähigkeiten verfügen. Ihre Aufgabe besteht darin, reale Situationen zu simulieren: „An jeder Studie – meist im Rahmen eines neuen Modellprojekts – nehmen mindestens 60 so genannte ,naive‘ Kunden teil. Sie bewerten die optischen, Berührungs- oder Geruchseindrücke lediglich mit ,gefällt mir‘ oder ,gefällt mir nicht‘ und geben jedem vorgelegten Teil eine Note zwischen 0 und 10“, erklärt Laure Nokels, zuständig für Sensorikforschung bei Renault. Hintergrund: Echte Kunden können aus Geheimhaltungsgründen nicht befragt werden. Die Studien werden nach strengen methodischen Vorgaben durchgeführt und sind sehr aufwendig. Jeder „Kunde“ muss zehn oder 20 Beispiele von Bezügen, Kunststoffen oder lackierten Teilen benoten. Mitunter erteilt er die erste Note „blind“, damit optische Eindrücke seinen Tastsinn nicht beeinflussen. Anschließend wiederholt er den Test „sehend“. Auf diese Weise lässt sich auch die Interaktion zwischen Sehen und Fühlen besser studieren. Der Proband kann auch detaillierter befragt werden um zu konkretisieren, woran er Gefallen gefunden hat und woran nicht.


Im Anschluss geht es darum, die Noten der „naiven“ Testpersonen aufwändig zu analysieren. Dies ist die Aufgabe der Sensorikexperten. Für jeden Sinn gibt es bei Renault zehn Spezialisten. „Sie können zum Beispiel angeben, dass ein Instrumententräger eine 80-prozentige ,Weichheit‘ besitzt, oder dass ein Geruch Duftnoten von Citral und Aminen aufweist“, erläutert Sébastien Crochemaure, Chef des Teams „Sinnliche und physikalische Eigenschaften“ beim Renault Werkstoff-Engineering.

 

Eine derartige Präzision erreichen die Spezialisten nur durch gezielte Schulungs- und Trainingsmaßnahmen. Besonders wichtig für ihre Arbeit: Alle benutzen den gleichen Referenzrahmen, eine Art sensorisches Alphabet. Es ermöglicht, sämtliche bei der „naiven“ Benotung vermerkten Nuancen eines Gegenstandes zu beschreiben. Manche dieser „Alphabete“ sind sogar freiverkäuflich und werden von unterschiedlichen Branchen genutzt. Die Nahrungsmittelindustrie hat zum Beispiel eines für Gerüche entwickelt, das auch Renault bei den Autos einsetzt. Andere „Alphabete“ mussten erst geschaffen werden. So entwickelte das Sensoriklabor von Renault ein eigenes taktiles, das heißt den Tastsinn betreffendes, Referenzsystem. Es heißt Sensotact®, wurde von Renault als Patent angemeldet und steht inzwischen auch Firmen anderer Wirtschaftszweige zur Verfügung.


„Je mehr Unternehmen die Sensorik in die Entwicklung einbeziehen und dieselben Methoden anwenden, desto eher sind auch unsere Lieferanten dazu bereit“, bemerkt Crochemaure. Ein weiterer zukünftig zu erwartender Vorteil besteht im Informationsaustausch: Stößt Renault in einem automobilfremden Bereich auf einen Werkstoff, der zum Beispiel aus der Luftfahrt-, Spielzeug- oder Kosmetikindustrie stammt, könnten sich die Spezialisten beider Seiten über sein Sensorikprofil austauschen.


Ein solches Profil entsteht, wenn Sensorikexperten eine genaue Beschreibung einer Materialprobe abgeben. Diese erfolgt nach strengen Maßstäben. Bei der Beschreibung einer Metalleffektlackierung müssen zum Beispiel Beleuchtung, Beobachtungsdistanz und -winkel von Experte zu Experte und von Teil zu Teil absolut identisch sein, um zu vergleichbaren Ergebnissen zu kommen. Verbunden mit den zuvor ermittelten Präferenzen der Kunden ergibt sich dann eine „Landkarte der Vorlieben“. „So können wir jene sensorischen Eigenschaften bestimmen, die den Kundenerwartungen entsprechen“, so Nokels. „Auch unseren Lieferanten stehen genaue Spezifizierungen zur Verfügung, um eine optimale Qualitätsanmutung unserer Fahrzeuge zu erzielen.“


Die Aufsplittung der sensorischen Leistungsvorgaben in physikalische und chemische Werte erlaubt zudem die Kontrolle dieser Merkmale im Fertigungsprozess. Unter Zuhilfenahme von Messinstrumenten versteht sich – schließlich kann am Bandende kein Experte stehen, der die Teile beschnuppert, betrachtet und befühlt. Genau darin liegt aber die Schwierigkeit: „Das Gerät soll die Empfindungen des Kunden widerspiegeln“, hält Crochemaure fest. „Es hat also weder Sinn, zu präzise Geräte einzusetzen, die für den Menschen nicht wahrnehmbare Werte registrieren, noch umgekehrt.“ So arbeitet Renault unter anderem erfolgreich an der Entwicklung eines „Wärmefingers“ zur Messung des thermischen Eindrucks eines Bauteils.


Bei aller Spezialisierung vergessen die Ingenieure von Renault jedoch nicht, dass der Mensch im Mittelpunkt ihrer Forschung steht. So ist ihnen bewusst, dass die Geschmäcker verschieden sind und sich bestimmte Präferenzen zudem ständig wandeln. Eine regelmäßige Aktualisierung der „Landkarte der Vorlieben“ ist deshalb unabdingbar, um auch in Zukunft innovative Automobile mit hohem „Wohlfühlfaktor“ bauen zu können.

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