Es gibt Grand Prix-Rennen, die sind so komplex und doch so schnell erzählt. Wie zum Beispiel der diesjährige Große Preis von Italien, wie immer auf heiligem Motorsport-Boden im Königlichen Park von Monza ausgetragen. Die Kurzfassung: Pole Position für Sebastian Vettel im Red Bull-Renault, Platz zwei nach der ersten Kurve, Führung in Runde fünf – Sieg. Damit wäre das Wesentlichste bereits gesagt.


Doch es lohnt durchaus, sich diesen erneuten Triumph des jungen Titelverteidigers genauer anzuschauen. Nicht nur, weil der Heppenheimer mit der 13 Qualifying-Bestzeit seines Teams im ebensovielten Saisonrennen die beinahe unheimliche Souveränität der Kombination aus Red Bull-Chassis und V8-Motor von Renault F1 einmal mehr unter Beweis stellte. Denn Monza, so klang es im Vorfeld aus vielen Richtungen, würde dem Dienstwagen des Deutschen nicht schmecken. „Zu schnell“, so die Auguren. Doch dies hatten sie auch schon für den Grand Prix von Belgien vorhergesagt. Ergebnis: Sieg für Vettel.
Nun also Monza, und wieder hieß der Gewinner des Qualifyings? Genau: Sebastian Vettel. Dabei hatte der Wahl-Schweizer gemeinsam mit seinem Team eine ganz besondere, durchaus verwegene Taktik gewählt – und den höchsten Gang seines Einsitzers besonders kurz gewählt. Dies kostete zwar Höchstgeschwindigkeit am Ende der langen Geraden, bringt aber auch Vorteile beim Beschleunigen. Für eine Runde, wenn nur die schnellste gefahrene Zeit zählt, gut. Aber würde das Experiment auch im Rennen funktionieren, wenn sich die Kontrahenten im Windschatten und mit Flügeln, die dank „DRS“-System flachgestellt werden können, von hinten heranzoomen?
Die Strategie von Red Bull-Renault, das stand fest, würde sich nur auszahlen, wenn Vettel nach dem Start seinen Verfolgern sofort davonfliegen kann. Doch dieser Plan schien zunächst nicht aufzugehen: Fernando Alonso kam im Heimatland der Ferraristi wie eine Rakete aus den Blöcken und zwängte sich vor der ersten Kurve am Titelverteidiger vorbei. War der italienische WM-Lauf für den stets so unbeschwert wirkenden Lockenkopf damit bereits gelaufen? Denn auch dies hatten viele selbst ernannte Experten längst festgestellt: Vettel sei kein großer „Überholer“, soll Grands Prix nur aus der Führung heraus gewinnen können.
Von wegen.
In Runde fünf – zuvor hatte das Safety-Car das Feld nach einem Unfall in der ersten Schikane angeführt – machte der Deutsche kurzen Prozess mit dem Spanier und zwängte sich in einem spektakulären Manöver in der „Curva Grande“ außen (!) und mit zwei Rädern über den Rasen (!!) am völlig überraschten Ferrari-Piloten vorbei. Damit lag er vorn. Und enteilte dem Asturierer, der seine beiden Weltmeisterschaften gemeinsam mit Renault errungen hat, sofort mit Riesenschritten. Dem Sieg – seinem bereits achten der laufenden Saison – stand damit nichts mehr im Weg.
Vettels Teamkollegen Mark Webber im zweiten Red Bull-Renault erging es in Monza weniger gut: Der Australier wurde sich in der ersten Schikane mit Felipe Massa nicht über die Vorfahrt einig und vermisste anschließend seinen Frontflügel. Der Versuch, das havarierte Fahrzeug zurück an die Box zu schleppen, ging schief: Webber bog in die lange und superschnelle „Parabolica“-Kehre zu mutig ein und rutschte in den Boxenstapel.
Einen Sonntag zum Vergessen erwischte auch Vitaly Petrov im Renault R31 des Teams Lotus Renault. Der schnelle Russe wurde gleich in der ersten Schikane von Vitantoni Liuzzi aus dem Rennen gerissen, der sein Auto beim Anbremsen aus der Gewalt verloren hatte und mit einem wilden Dreher über den Grünstreifen herangeschossen kam. Auch Petrovs Teamkollege Bruno Senna wurde von dem Unfall in Mitleidenschaft gezogen und musste das linke Hinterrad seines Boliden wechseln lassen. Dennoch schaffte es der Neffe des legendären Ayrton Senna noch, sich bis ins Ziel wieder in die Punkteränge vorzukämpfen und Platz neun zu erobern.
Mit Platz 13 und 14 gelang Jarno Trulli und Heikki Kovalainen am Steuer ihrer Lotus T128-Renault einmal mehr eine geschlossene Mannschaftsleistung. Sie gewannen erneut die inoffizielle Wertung der Grand Prix-Neueinsteiger-Teams.
Für Sebastian Vettel endet die europäische Formel 1-Saison damit praktisch perfekt: Er liegt nun 112 Punkte vor Fernando Alonso, seinem nächsten Verfolger. Sechs Grands Prix stehen in Übersee noch auf dem Programm, bei denen insgesamt 150 WM-Punkte vergeben werden. Dies bedeutet: Vettel genügen noch 38 Zähler, dann hat er die Titelverteidigung in trockenen Tüchern. Schoß ihm diese Rechnung durch den Kopf, als er auf dem Siegerhügel von Monza stand, auf das Fahnenmeer unter ihm herabblickte und völlig überwältigt vom Moment die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte? Oder war es die Erinnerung an seinen allerersten Formel 1-Sieg vor gerade einmal drei Jahren, als er am Steuer des unterlegenen Toro Rosso im Regen die versammelte Konkurrenz düpierte?
Monza, dies steht eben fest, ist immer das Rennen der großen Gefühle …

