Ein Multitalent macht Karriere: „Ein volkstümliches, praktisches Auto; ästhetischer als die Konkurrenzmodelle, aber weniger elegant als die Dauphine.“ Mit diesen Worten fasste der damalige Renault-Vorstand Pierre Dreyfus im Spätsommer 1956 seine Vorstellungen vom Nachfolgemodell des auslaufenden Renault 4CV zusammen. Seine Ingenieure verstanden und definierten für das „Projekt 112“ – so der interne Entwicklungscode – als wichtigste Parameter: großer und dabei variabler Innenraum bei möglichst knappen Außenabmessungen, vier Seitentüren für bequemes Ein- und Aussteigen sowie eine große Hecktür für optimale Beladung, akzeptabler Fahrkomfort auch auf schlechtesten Straßen, leichte Bedienbarkeit sowie ausreichende Motorleistung. Et voilà, fertig war der Renault 4.
Die Öffentlichkeit staunte im Juli 1961 nicht schlecht, als der Renault 4 auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt seine Weltpremiere feierte: Im Scheinwerferlicht stand ein modern gestalteter Viertürer, der robuste Technik und enorme Variabilität mit einem verblüffend niedrigen Preis kombinierte. So etwas hatte die Automobilwelt noch nicht gesehen. Und wie vieles Neuartige vor und nach ihm schlug auch dem Renault 4 zunächst massive Skepsis entgegen. „Dieses Auto wird sich in Deutschland niemals verkaufen lassen“, lautete beispielsweise das knappe Urteil des Fachmagazins „auto, motor und sport“.
Weit gefehlt: bereits nach drei Jahren erreichten die Verkaufszahlen den Meilenstein von 500.000 Einheiten. Und am 1. Februar 1966 feierten die Angestellten des Renault 4-Werks auf der Île de Séguin ihre erste Million. Bis zum Produktionsstopp im Dezember 1994 rollen weltweit insgesamt exakt 8.135.424 Einheiten vom Band. Der pfiffige Franzose eroberte aber nicht nur die Straßen, sondern vor allem auch die Herzen. Das beweisen unter anderem seine zahlreichen Spitznamen. Die Italiener nennen ihn beispielsweise liebevoll „Frosch“, für die Finnen ist er „tiparellu“ (das Tröpfchen), die Spanier kennen ihn als „cuatro latas“ (vier Kisten). Und wenngleich der „Vierer“ bereits ab Werk in zahlreichen Ausstattungsvarianten und Karosserieversionen – beispielsweise als Limousine, Cabriolet „Plein Air“ oder Kastenwagen „Fourgonette“ – lieferbar war, so gestalteten Renault 4-Fahrer ihr Modell oftmals nach ihren individuellen Vorstellungen zu einem Unikum.
Der Renault 4 etablierte sich zudem schnell als absolut klassenloses Fahrzeug. Mitglieder sämtlicher sozialer Schichten schätzten den Renault 4 als praktischen Begleiter im automobilen Alltag. So fand er beispielsweise weite Verbreitung auf Universitätsparkplätzen, denn nicht nur die Studenten, auch die Professoren nutzen ihn für ihre Fahrten zum Campus.
Ein glühender Renault 4-Fan ist übrigens „Wer wird Millionär?“-Moderator Günther Jauch, der seit 1988 ein leuchtend rotes Modell der Sonderedition „Salü“ sein eigen nennt. „Noch heute freue ich mich an seiner perfekten Funktionalität und der unverwüstlichen Mechanik bei sparsamstem Verbrauch“, formuliert der Potsdamer eine Liebeserklärung an seinen automobilen Begleiter. „Den 200-Seiten-Klassiker ‚R4 – Warten, Pflegen, Reparieren‘ habe ich immer dabei – und doch für meinen Renault noch nie gebraucht.“
Exakt diese Zuverlässigkeit prädestinierte den Renault 4 für Einsätze, die ihm auf den ersten Blick wohl nicht jeder zugetraut hätte. Mit der typisch dunkelblauen Lackierung und dem weißen Schriftzug „Gendarmerie“ versehen, jagte der Renault 4 beispielsweise manchem Verkehrssünder einen gehörigen Schrecken ein, wenn er unvermutet im Rückspiegel oder am Straßenrand auftauchte. Speziell auf den kurvenreichen französischen Landstraßen und in den Innenstädten machte er den vermeintlichen Mangel an Pferdestärken durch sein agiles und sicheres Fahrwerk oft mehr als wett.



