Frankreich und seine Ikonen. Brigitte Bardot war eine, die ihren Fans vor allem in den 50ern und 60ern den Kopf verdrehte. Sophie Marceau, die hinreißende „Vic“ aus „La Boum – Die Fete“, riss uns auch als Prinzessin Isabelle in „Braveheart“ oder „Electra King“ im 007-Epos „Die Welt ist nicht genug“ in ihren Bann. Und Laetitia Casta, 1978 geborene Halb-Korsin, verlieh der „Marianne“ ein besonders bezauberndes Gesicht – jenen Frauenbüsten, die als Nationalfigur Frankreichs traditionell die Rathäuser und viele Plätze schmücken. Heute darf wohl Carla Bruni, die Sängerin und Präsidentengattin, als berühmteste weibliche Ikone ihres Landes gelten.
Betörende Eleganz, atemraubende Schönheit und eine geheimnisvolle Sinnlichkeit, mit der sie scheinbar über den Dingen schweben – damit verbreiten nicht nur die Bardot oder die Bruni eine besondere Aura der Faszination. Denn diese Attribute treffen auch auf andere französische Stilikonen zu – zum Beispiel auf die betörende Alpine A610. Mit diesem Aufsehen erregenden Sportwagen zog Renault einen formidablen Schlussstrich unter die Geschichte der kleinen Sportwagen-Manufaktur aus der Normandie. Denn die A610 war die modernste, schnellste und am höchsten entwickelte Flunder, die unter dem Gütesiegel Alpine je gebaut wurde – und blieb mit einer Auflage von nur 820 Exemplaren auch eine der seltensten.
Renault schickte die A610 ab 1991 ins Rennen. Sie löste die intern „GTA“ genannten Modelle V6 GT und V6 Turbo ab, von denen sie im Wesentlichen auch die technische Grundlage übernahm – also das Heckmotorkonzept, die 2+2-Sitzigkeit und die extrem leichte Polyester-Karosserie, deren Design auf einem Entwurf von Robert Opron basierte. Neu waren vor allem die nochmals flachere Frontpartie mit Klappscheinwerfern anstelle der Glasbausteine der Vorgängerin und das Triebwerk im Heck: Der 160 PS starke und 2,7 Liter große Sauger-V6 entfiel, während der Turbo-Sechszylinder auf 3,0 Liter anwuchs – und nunmehr 250 PS leistete.
Die sorgen für mächtig Schub. Nur 5,7 Sekunden dauert es zum Beispiel, um aus dem Stand die 100-km/h-Marke zu durchbrechen. Und wer auf der leeren Autobahn das zierliche Gaspedal tapfer aufs Bodenblech nagelt, der saust schon bald mit Tempo 265 durchs Land – und kommt sich dabei vor wie der Pilot der Concorde persönlich. Denn das Temperament dieses Sportler konnte nicht nur zu Beginn der 90er Jahre schwer beeindrucken: Bis heute gilt die A610 als richtig schnelles Auto, das in kundiger Hand auch auf der Rennstrecke kaum Konkurrenz fürchten muss.
Auf jeden Fall standen die begeisternden Fahrleistungswerte endlich im Einklang mit der aufregenden Erscheinung dieser Renault Alpine. Auch im Interieur setzte sich ein höheres Maß an Harmonie durch, die Schalter-Brigaden der GTA-Versionen waren einem durchdachteren Bedienkonzept mit deutlich aufgeräumterer Mittelkonsole gewichen. Sportlich-dynamisch blieb der Arbeitsplatz: In kaum einem zweiten Coupé sitzt es sich so nah an der Straßenoberfläche. In das Cockpit dieser Alpine steigt man nicht ein, mitsamt der markant geschnittenen Sportsitze zieht man es sich förmlich an – und verwächst mit diesem aufregenden Boliden dadurch zu einer Tateinheit aus Fahrspaß und Begeisterung. Das heisere Brüllen und Zischen des aufgeladenen V6 im Rücken, die direkte Lenkung und der knubbelig kleine Schalthebel mit seinen knackig knappen Schaltwegen feuern die Freude zusätzlich an. Sicher: Die A610 beherrscht auch das entspannte Cruisen und das Dahingleiten diesseits des vollen Ladedrucks von 0,9 bar, selbst ein gewisses Maß an Federungskomfort ist ihr nicht fremd. Aber mal ehrlich: Wer will das schon bei dieser automobilen Ikone der Rasanz?
(Stand 12/2011, Irrtümer vorbehalten)


